Utopie Europa? Puzzle Europa!
Ein Gespräch über das Puzzle EUropa, die Kraft der Ambivalenz und die Frage, wo Demokratie eigentlich anfängt.
Was wäre, wenn das, was wir für eine Schwäche Europas halten, in Wirklichkeit seine größte Stärke ist? Diese Frage zieht sich wie ein roter Faden durch die dritte Folge unserer Utopia-Podcast-Serie. Anja Mutschler hat sich mit dem Sozialwissenschaftler Elias Bernhart zusammengesetzt – frisch promoviert an der LMU München. In seiner Dissertation untersucht er Europa und die EU als vielschichtiges Puzzle politischer Selbstverortung.

Bernharts Forschung basiert auf qualitativen Interviews mit jungen Politiker:innen aus Deutschland und Polen, ergänzt durch Gespräche mit Vertreter:innen europäischer Institutionen. Der Untersuchungszeitraum 2014–2021 umfasst Brexit, Pandemie, wachsende Renationalisierungstendenzen und die ersten Zeichen des Ukraine-Kriegs. Was er herausgefunden hat, klingt auf den ersten Blick unspektakulär, ist es aber nicht: Niemand unter seinen Befragten wollte aus der EU austreten. Selbst ein Vertreter aus dem Umfeld der PiS, die damals in Polen an der Macht war und öffentlich eine scharf konfrontative Haltung gegenüber Brüssel pflegte, formulierte keinen Austrittswunsch.
Selbst die größten Zweifler wollen die EU
„Es wurde von den Vertretern gesagt, sie würden niemals daran denken, die EU zu verlassen – einerseits aus opportunistischen Motiven, weil es Subventionen bringt, Sicherheit bringt. Aber das war auch eine tiefere Überzeugung.“
Elias Bernhart
Auch auf der anderen Seite des Spektrums zeigt sich die Ambivalenz: Interviewte aus dem linken Parteienspektrum übten deutliche Kritik am Wirtschaftsmodell der EU – und betonten zugleich, dass sie als Werte-, Freiheits- und Orientierungsrahmen unverzichtbar sei.
Bernharts Schlussfolgerung: Die binäre Logik „pro EU oder kontra EU“ greift empirisch zu kurz. Politisch gefährlich wird sie, wo Kritik vorschnell als Ablehnung gelesen wird – obwohl das tatsächliche Verhältnis zur EU viel komplexer ist: ein Nebeneinander aus Zustimmung, Distanz, Kritik und Zugehörigkeit.
„Nur weil ich sage, dass Europa bürokratisch ist und sich darum kümmert, was anzuschauen – bin ich kein Europakritiker. Aber wenn wir oft dieses Polarisierte haben und diese Schwarz-Weiß-Denke, dann sind Leute vielleicht dann auch gefangen.“
„EUropa“ – ein Möglichkeitsraum: das Puzzle Europa
Der Titel der Dissertation – Das Puzzle EUropa – verbirgt einen theoretischen Schlüsselgriff. Das große U im Wort macht kenntlich, was Bernhart analytisch voneinander trennt und zugleich als untrennbar beschreibt: die Europäische Union als politisch-institutionelles Konstrukt auf der einen Seite und Europa als kulturellen, historischen, emotionalen Raum auf der anderen. In den Interviews begann er jedes Gespräch mit derselben Frage: Was ist für dich Europa?
„Da merkt man es erst mal – es war dann erst mal Schweigen. Unterschiedlich, was dann kam. Es kamen kulturelle Begrifflichkeiten: Ich fahre gerne nach Italien, ich mag den Rotwein, ich kann 200 Kilometer fahren und sehe so viele Länder. Dann gibt es die EU, die entweder positiv oder kritisch betrachtet wurde. Es sind unterschiedliche Pfade und unterschiedliche Nähte, die sich da entwickeln – aber die sind alle irgendwie miteinander verwoben. Man kann sie analytisch trennen, aber trotzdem würde etwas Emotionales auch mit etwas Sachlichem mitspielen.“
Elias Bernhart
Genau diese Offenheit, das Nicht-Festgelegtsein, ist für Bernhart keine Lücke. Es ist Europa als Möglichkeitsraum. Weil es keine abschließende Definition gibt, können Menschen ihre eigene Verortung einbringen – biographisch, regional, kulturell, politisch. Die EU füllt diesen Raum nicht mit einem einheitlichen Identitätsbild aus. Das klingt zunächst nach Schwäche – und wird im Gespräch zur Stärke: Gerade weil die Offenheit bleibt, sind unterschiedliche Zugänge, Deutungen und Verortungen möglich.
Die EU macht viel, verkauft sich aber schlecht
Ein anderes Thema, das sich durch das Gespräch zieht: die strukturelle Unsichtbarkeit europäischer Leistungen. Wasserqualität, Binnenmarkt, Forschungsförderung, Verbraucherschutz – alles EU-Werk. Kaum jemand weiß es. Bernhart hat dafür eine treffende Formulierung:
„Europa macht unglaublich viel, aber verkauft sich unglaublich mies.“
Anja Mutschler sieht darin eine strukturelle Ursache: Nationalstaaten und EU stehen in Konkurrenz um kulturelle Deutungshoheit. Deutschland fehlt – anders als etwa Frankreich mit seiner „Grande Nation“-Rhetorik – ein entsprechend selbstbewusstes Narrativ. Was helfen könnte? Ein simples, aber wirkungsvolles Kommunikationsformat: Mit EU – ohne EU. Das Unsichtbare sichtbar machen, indem man zeigt, was ohne die gemeinsamen Strukturen nicht möglich wäre.
Nicht mehr Emotion, sondern Empathie
Anja Mutschler formuliert im Gespräch eine Gedankenwende, die für sich steht. Sie war bislang überzeugt, dass Europa mehr Emotionalität in der Politik brauche, um Akzeptanz zu gewinnen. Doch im Gespräch verschiebt sie diese These:
Bernhart stimmt zu: Was Menschen trägt, ist nicht die Übereinstimmung mit einer Entscheidung, sondern das Gefühl, dass ihre Ambivalenz, ihr Zweifel, ihre Kritik gehört und als legitim anerkannt wird. Demokratische Resilienz, so der Befund, ist größer als gedacht – sie entsteht nicht aus Konsens, sondern daraus, dass Ambivalenz, Kritik und Widerspruch als legitime Bestandteile von Aushandlung anerkannt werden.
Elias Bernharts Dissertation ist soeben bei Springer VS Wiesbaden erschienen: Das Puzzle EUropa: EUropäische Positionalitäten junger Politiker:innen aus Deutschland und Polen zwischen individuellen, kollektiven und supranationalen Konstruktionen. Das vollständige Podcast-Gespräch – knapp anderthalb Stunden – findet ihr auf unserer Seite sowie als Transkript auf Zencastr.
„Ich würde meine Emotionen in der Politikfrage auf Empathie verändern – als wichtiges Skillset, das politisch da sein muss. Empathie heißt: Wir wissen, es ist schwierig, und wir wissen, irgendwie fühlt es sich komisch an – wir müssen es aber trotzdem machen.“
Anja Mutschler
Die Kommune als Keimzelle Europas
Die praktisch-utopische Zuspitzung des Gesprächs kommt am Ende: Wenn man Europa nicht primär als geografischen, sondern als sozialen Raum begreift – einen Raum, in dem bestimmte Aushandlungspraktiken eingeübt werden –, dann beginnt europäische Demokratie im Lokalen.
„Das Kommunale als Kernelement von allem, was darauf aufbaut, ist ganz wichtig. Ob es in den Ortsverein und politische Interessensvertretungen geht oder über Vereinswesen, ehrenamtliches Engagement – das ist alles ein Bereich, in dem man politisch sein, beisammen sein und voneinander lernen und auch akzeptieren lernt.“
Elias Bernhart
Bernhart beschreibt das als einen Skaliereffekt: Wer im lokalen Umfeld lernt, mit Differenz, Widerspruch und Aushandlung umzugehen, kann diese demokratischen Routinen auf größere politische Räume übertragen. Anja Mutschlers Reformulierung der Utopie klingt so:
„Europäisch handeln, europäisch sein – das könnte eine soziale Routine sein. Das finde ich interessant.“
Europa nicht als geografisches Projekt, sondern als demokratische Übungspraxis. Als Gewohnheit des Miteinanders, der Aushandlung, des Aushaltens von Vielstimmigkeit. Eine Utopie, die nicht von oben entworfen wird, sondern von unten geübt werden kann – in der Gemeinschaft, im Verein, im Gespräch.
Elias Bernharts Dissertation ist soeben bei Springer VS Wiesbaden erschienen: Das Puzzle EUropa: EUropäische Positionalitäten junger Politiker:innen aus Deutschland und Polen zwischen individuellen, kollektiven und supranationalen Konstruktionen. Das vollständige Podcast-Gespräch – knapp anderthalb Stunden – findet ihr auf unserer Seite sowie als Transkript auf Zencastr.
Elias Bernhart
Elias Bernhart ist promovierter Sozialwissenschaftler mit Hintergrund in Soziologie, Politikwissenschaft und Philosophie. Am Geschwister-Scholl-Institut für Politikwissenschaft der Ludwig-Maximilians-Universität München wurde er mit einer qualitativen Studie zu europäischen Selbstverortungen junger Politiker*innen aus Deutschland und Polen promoviert. In seiner Dissertation *Das Puzzle EUropa. EUropäische Positionalitäten junger Politiker*innen aus Deutschland und Polen zwischen individuellen, kollektiven und supranationalen Konstruktionen* untersucht er, wie junge politisch engagierte Menschen Europa und die Europäische Union deuten, kritisieren und zugleich als Bezugsraum politischer Zugehörigkeit begreifen. Methodisch arbeitet er vor allem mit qualitativer Sozialforschung, Grounded Theory Methodology und Situational Analysis. Inhaltliche Schwerpunkte seiner Arbeit sind Europasoziologie, politische Sozialisation, politische Bildung und die Frage, wie Menschen sich in komplexen politischen Räumen verorten. Beruflich ist Elias Bernhart beim VDMA Bayern tätig und leitet das Mittelstand-Digital Zentrum Augsburg. Das Zentrum unterstützt kleine und mittlere Unternehmen bei Fragen der Digitalisierung, Künstlicher Intelligenz und des digitalen Wandels. Dabei arbeitet er an der Schnittstelle von Projektleitung, Transfer, Qualifizierung, Vernetzung und praktischer Unterstützung des Mittelstands.
Das Puzzle EUropa: EUropäische Positionalitäten junger Politiker:innen aus Deutschland und Polen zwischen individuellen, kollektiven und supranationalen Konstruktion.Fortsetzung steht bereit
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