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Podcast

Staffel 2, Folge 3: Dezentrales Erinnern und Denkmäler

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Ein Beitrag von Kristian Schulze

Kristian Schulze arbeitet als Journalist, Redakteur und Reporter in Leipzig, wo er Journalistik und neuere Geschichte studiert hat.

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Veröffentlicht: 12.12.2023

Lesezeit: 3 Minuten

Letzte Änderung: 04.03.2024

Schlagworte:

  • #geschichte
  • #kultur
  • #politik

In dieser Dezember-Ausgabe des 20blue-Podcasts spricht die aus dem Westen nach Leipzig gekommene Unternehmensgründerin Anja Mutschler mit einer Frau, die eine andere Geschichte hat: Gesine Oltmanns, Zeitzeugin und Mitgründerin der Stiftung Friedliche Revolution, seit 2009 im Kuratorium und im Vorstand.

„Dezentrales Erinnern“ und das Leipziger Herbst-89-Denkmal

Seit 1983 war Oltmanns in Leipzig in oppositionellen Gruppen. Heute ist sie Projektleiterin des lange geplanten, kontrovers debattierten und schon einmal verschobenen Freiheits- und Einheitsdenkmals in der Stadt. „Wenn wir 2027 fertig sind, dann sind wir gut“, sagt sie dazu am Ende des Gesprächs.

Zuvor aber geht es darum, wie Erinnerung und wie Denkmale funktionieren können. Gesine Oltmanns bietet Einblicke in die Arbeit von „Institutionen der Erinnerungskultur“, wobei sie „immer ein bisschen traurig“ ist, „dass sich alles so sehr zentralisiert in Berlin“, wohl auch durch „politische Nähe“. Sie kämpfe für eine „dezentrale Sicht“ der Dinge, um regionale Orte des Erinnerns und der „aktiven Demokratiearbeit“, die sich mit 1989 verbinde.

Unterschiedliche Erinnerungen zeigt das Gespräch der beiden: So kam ganz anders als für Mutschler „die Wende“ etwa für Oltmanns nicht plötzlich. Sie war ja längst involviert, mehr als andere damals in West und Ost. Dabei war auch für sie die große Demonstration am 9. Oktober 1989 in Leipzig das „Leuchtfeuer“.

Trotzdem mag Oltmanns sich heute weniger auf solche Termine fixieren. Sie sei dankbar, sagt sie, für junge Blicke auf das Thema, denn „junge Leute sehen anders auf die Geschichte als Zeitzeugen und Historiker*innen“.

Dabei ist hier spannend zu hören, wie es damals war, denn Gesine Oltmanns ist Zeitzeugin. Ihr biografischer Weg führte vom Erzgebirge über das Muldental nach Leipzig, in Räume der Kirche und der Opposition bis ins Gefängnis.

Sie erzählt auch, wie die „Friedensgebete“ einst weit weniger pastoral als sozial relevant waren, wie auch die „Ausreisebewegung“ und die „Friedhofsruhe“ in der DDR dazu führten, dass sich 1989 dann doch etwas geändert hat.

Wie aber packt man das in ein Denkmal? Darauf antwortet sie vor allem mit einem Ansatz von Offenheit, Partizipation und dem Hinweis, dass es jetzt auch keinen neuen Architekten-Wettbewerb als vielmehr einen künstlerischen gebe. Auch entscheide nicht mehr eine Jury allein. Schon für die „heikle Standortfrage“ sei mit zahlreichen Bürgern eine „kluge Entscheidung“ gefunden worden.

Die Stiftung Friedliche Revolution ist von der Stadt beauftragt, das Denkmal umzusetzen. Sie ist laut Oltmanns eine private Stiftung, die Werte der Friedlichen Revolution vermitteln soll, wozu auch Gewaltfreiheit gehöre.

Kann aber ein Denkmal einer biografischen Erinnerung wie der von Gesine Oltmanns gerecht werden? Sie sagt: Menschen müssen sich da gut aufgehoben fühlen. Das ist nach ihren Worten auch der Auftrag an eine künstlerische Lösung, ihr persönlicher Wunsch und ein „großes Glück“, wenn es gelingen würde.

„Wir wollen an den 9. Oktober erinnern“, sagt Oltmanns, aber auch daran, dass damals nicht nur Leipzigerinnen und Leipziger hier demonstrierten, vielmehr viele Menschen aus ganz Ostdeutschland.

Zeitzeugen müssen laut Zeitzeugin von ihrem Anspruch weg, damals die alleinigen Akteure gewesen zu sein. Das müsse größer gesehen werden: In ganz Mittel- und Osteuropa habe es eine Revolution gegeben. Nicht in der DDR allein sei damals der eiserne Vorhang zu Fall gebracht worden.

Mein erster kleiner Gedanke nach diesem Podcast: „Richtige Erinnerung“ gibt es nicht und so wohl auch keine richtigen Denkmale, falsche aber vermutlich schon. Doch hören Sie selbst!

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