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Ernährung der Zukunft: Nachhaltige Ernährung hat viele Facetten

Ein Beitrag von Silke Wartenberg

Dr. Silke Wartenberg, promovierte Diplom-Oecotrophologin, ist selbstständige Fachjournalistin und Coach.

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Veröffentlicht: 28.03.2023

Lesezeit: 6 Minuten

Letzte Änderung: 26.09.2023

Themen:

Schlagworte:

  • #ernährung
  • #expertennetzwerk
  • #expertstatement
  • #nachhhaltigkeit

Das Expert Statement der Ernährungs-Expertin Dr. Silke Wartenberg zeigt: Ernährung ist ein komplexes Thema, es betrifft unsere persönliche Gesundheit ebenso wie globale Nachhaltigkeitsdimensionen – und wird gerade deswegen häufig kontrovers diskutiert.

Wie sieht die nachhaltige Ernährung der Zukunft aus? Sollen alle Menschen vegan leben? Werden Insekten, Algen und in vitro-Produkte Fleisch vollständig ersetzen oder Nischenprodukte bleiben? Ist die Planetary Health Diet der Eat Lancet Kommission die Lösung? Das Thema ist äußerst komplex und wird kontrovers diskutiert – zum Teil auch emotional aufgeladen. Fleisch gilt als Gesundheitsproblem und als Klimakiller – von der Tierschutzdebatte ganz zu schweigen.

Fakt ist, dass das Thema Ernährung sämtliche Nachhaltigkeitsdimensionen tangiert: Gesundheit und Umwelt, aber auch Wirtschaft und Soziales.

Weltwirtschaftlich gesehen haben die Produktion und der Verzehr von Fleisch und tierischen Produkten eine hohe Relevanz: Laut Professor Matin Qaim vom Zentrum für Entwicklungsforschung (ZEF) in Bonn erzielen tierische Produkte global betrachtet mehr als 40 Prozent der landwirtschaftlichen Wertschöpfung – in Deutschland und Europa sind es sogar mehr als 50 Prozent – und sichern das Einkommen von rund 1,3 Milliarden Menschen. Und dabei handelt es sich nicht nur um die großen Fleischunternehmen in Deutschland und Europa. Auch Menschen in Ländern des globalen Südens bestreiten ihren Lebensunterhalt über Viehzucht, insbesondere auch Frauen, die häufig kein Land, aber Vieh besitzen.

Aus ernährungswissenschaftlicher Sicht sind tierische Produkte im Kontext der Welternährung aktuell unverzichtbar, als wichtige Quelle für Eiweiß und Mikronährstoffe. Frisches Obst und Gemüse sind zum Beispiel in weiten Teilen Afrikas nicht ganzjährig verfügbar. Wenn die Tiere auf Grasland weiden, verzehren sie Futter, das für Menschen nicht essbar ist. „Es gibt eine große Menge an Gras, das aus Zellulose besteht, und die Menschen nicht verdauen können. Somit kann es über den Tiermagen, zur Welternährung beitragen“, erklärt der Wissenschaftler.

Damit wird bereits ein wichtiger Kritikpunkt an der Produktion tierischer Produkte deutlich. Denn in weiten Teilen der Welt besteht eine Konkurrenz zwischen Trog und Teller. Getreideflächen, die zur Produktion von Tierfutter genutzt werden, stehen für den Anbau von Nahrungsmittelgetreide nicht zur Verfügung. Viehhaltung und Fleischerzeugung weisen einen riesigen Klimafußabdruck auf.

Und es gibt weitere Gründe, die gegen den Konsum von Fleisch und tierischen Produkten sprechen: Tierschutzbestimmungen sind in einigen Ländern kaum vorhanden. Die Einführung von Tierwohlstandards auf nationaler oder europäischer Ebene sind ein Versuch, alle Teilnehmer der Wertschöpfungskette – vom Landwirt bis zum Verbraucher – unter einen möglichst nachhaltigen Hut zu bekommen. Darüber hinaus zu erwähnen sind die Gesundheitsfolgen, die bei hohem Fleischkonsum in Form von einem erhöhten Risiko für kardio-vaskuläre Erkrankungen oder Antibiotikaresistenzen – um nur einige zu nennen – negativ zu Buche schlagen.

Gute Gründe also, weniger tierische Produkte zu konsumieren.

Wie entwickelt sich der Konsum tierischer Produkte?

Betrachtet man den Medienhype, kann der Eindruck entstehen, dass in Deutschland mindestens die Hälfte der Verbraucher*innen inzwischen vegan oder vegetarisch lebt. Das stimmt so nicht. Nach den Veröffentlichungen des ZEF stagnieren der Fleischverbrauch (das Schlachtgewicht) und der tatsächliche Verzehr in den letzten 20 Jahren. In den letzten drei Jahren ist allerdings ein Rückgang von 60 kg auf rund 55 kg Fleisch pro Kopf und Jahr zu sehen. Es ist allerdings nicht davon auszugehen, dass dieser Wert im Zuge des zunehmenden Umwelt- und Klimabewusstseins wieder steigt. Eher dürfte sich dieser Trend fortsetzen.

Ist eine pflanzenbasierte Ernährung die Lösung?

Konzepte wie die Planetary Health Diet rechnen vor, dass es möglich wäre, mit einer pflanzenbetonten Ernährung die Menschen gesund zu ernähren und den Planeten zu schützen. Die Grundaussage stimmt. Und auch wenn es einige methodische und praxisbezogene Unterschiede gibt, sind sich die Ernährungsempfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung und die Planetary Health Diet der Eat Lancet Kommission einig in ihrer Kernaussage: Der Verzehr von Lebensmitteln tierischer Herkunft sollte gesenkt und der Verzehr pflanzlicher Lebensmittel gesteigert werden.

Gleichzeitig darf man die globalen Fakten nicht außer Acht lassen. Gerade in Ländern des globalen Südens leiden aktuell viele Menschen – vor allem Kinder – unter Proteinmangel. Dort tierisches Eiweiß gleichwertig zu ersetzen, ist auf absehbare Zeit nicht realistisch. Insgesamt ist die Frage, wie auch bei Verzicht auf tierische Produkte eine adäquate Proteinzufuhr sichergestellt werden kann, eine Kernfrage beim Thema vegane Ernährung.

Und wie sieht es mit der Proteinqualität bei einer pflanzenbasierten Ernährung aus?

Laut Professor Manfred Müller von der Universität Kiel haben 30 Prozent der Veganer*innen und bis zu 15 Prozent der Vegetarier*innen eine zu geringe Proteinzufuhr. Dies betrifft unter den so genannten Vollköstlern nur ein bis vier Prozent. Zahlreiche Forschungen beschäftigen sich derzeit mit Pflanzen, Algen, Pilzen und der Frage, ob diese adäquat tierisches Protein in der Humanernährung ersetzen können. Untersucht werden unter anderem Antinutritiva wie beispielsweise Tannine in Soja und Erbsen, die die Verdaulichkeit der Produkte vermindern. Ein weiterer Forschungsschwerpunkt liegt auf der Aminosäurezusammensetzung der alternativen Proteine. So zeigen erste Studien, dass etwa Methionin aus einigen Fleischersatzprodukten bei Probanden nicht im Blut ankommt, berichtet Dr. Susanne Gola vom Fraunhofer Institut in Freising. Es gebe noch großen Forschungsbedarf bei der Rohstoffauswahl, der Herstellung, den Zutaten, und nicht zuletzt müssen die Produkte sensorisch ansprechend sein.

Wie kann ein Ernährungswandel gelingen?

Hierzulande braucht ein Ernährungswandel mehrere Hebel. Es macht wenig Sinn, die heimische Fleischwirtschaft zu mehr Tierwohl zu bewegen, aber gleichzeitig billiges Fleisch aus Ländern mit niedrigeren Standards zu importieren. Hier ist die Politik gefragt. Und es ist unbedingt geboten, die Verbraucher mitzunehmen. Eine höhere Steuer auf Fleisch und Fleischprodukte macht aus meiner Sicht Sinn, wenn gleichzeitig die Steuer auf frische unverarbeitete Lebensmittel wie Obst und Gemüse gesenkt oder vollständig aufgehoben wird. Und schließlich lautet das Credo: Bildung und Aufklärung! Diese Kontexte sollten nicht nur die gesundheitlichen Folgen eines übermäßigen Fleischkonsums beinhalten, sondern auch Fragen beantworten, worauf bei einer pflanzenbasierten, vegetarischen oder veganen Kost zu achten ist, um ausreichend Proteine zu sich zu nehmen und in keinen Nährstoffmangel zu geraten.

Fazit

Das Thema Ernährung ist komplex. Es umfasst politische, wirtschaftliche, soziale, kulturelle sowie Agrar- und Umweltaspekte und natürlich die Gesundheit für Mensch, Tier und Pflanze. Die Frage, wie eine nachhaltige Ernährung der Zukunft aussieht, kann aktuell weder allumfassend noch allgemeingültig beantwortet werden. Aber ein bewusster Konsum und eine fleischreduzierte und pflanzenbasierte Ernährung mit regionalen und saisonalen Produkten leisten in unseren Breiten einen guten Beitrag!

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